Leben und Arbeiten in Aue-Bad Schlema: Nachbetrachtung zum Stadtgespräch am 9. Dezember 2025
Fotos von Justus Wenke, Universität Leipzig
Am 9. Dezember 2025 fand das vierte und letzte Stadtgespräch des Jahres im Kompetenzzentrum für Gemeinwesenarbeit und Engagement e.V. (KGE) in Aue-Bad Schlema statt. Organisiert als Kooperationsveranstaltung zwischen dem KGE und dem Werkstattbereich „Stadtentwicklung bis 2030 – Strategiebildung in Mittelstädten“, ging es um Fragen rund um das Thema „Leben und Arbeiten in Aue-Bad Schlema – Haben wir genug Hände und Köpfe für morgen?“. Zu Gast waren Dr. Peggy Kreller von der Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH, Simone Lang, Mitglied des Sächsischen Landtages, Dr. Robert Krumbach, Geschäftsführer der Auerhammer Metallwerke GmbH, und Thomas Böttcher, Vorstandsmitglied der potential.akademie eG. Moderiert wurde die Veranstaltung von Alexander Fuchs.
Rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörer nahmen vor Ort als Mitdiskutanten am Stadtgespräch teil, darunter Personen aus der Bürgerschaft, der Zivilgesellschaft, aus Institutionen vor Ort – wie beispielsweise dem Bürgerhaus – und der Stadtverwaltung Aue-Bad Schlema. Ziel war ein offener Austausch über Arbeit, Zukunft und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zum Einstieg stellte Moderator Alexander Fuchs – wie bei jedem Stadtgespräch – zwei Sätze zur Vervollständigung zur Diskussion: „In einem Aue-Bad Schlema von morgen haben wir mehr Hände und Köpfe, weil …“ bzw. „In einem Aue-Bad Schlema von morgen haben wir weniger Hände und Köpfe, weil …“. Einig war man sich darüber, dass die demographische Entwicklung sich nicht aufhalten ließe und die Bevölkerung Aue-Bad Schlemas in Zukunft noch sinken wird. Niemand im Publikum wagte den zweiten Satz zu vervollständigen, auch nicht als (möglicherweise utopische) Vorstellung durchzuspielen.
Im Anschluss an das Brainstorming mit den Zuhörerinnen und Zuhörern stellte Alexander Fuchs die Podiumsgäste vor. Er bat auch hier um die Vervollständigung der beiden Zukunftsvisionen. Diese orientierten sich zwar bezogen auf Zahlen und Fakten an den zuvor bereits geäußerten Eindrücken. Sie zeigten aber auch eine optimistische Grundhaltung auf, die als Halte- und Ziehfaktoren 1) Attraktivitätssteigerungen vor Ort und die damit einhergehende 2) Aufbesserung von Wohlgefühl ansieht.
Im Gesprächsverlauf wurden demographische und sozioökonomische Tendenzen für Aue-Bad Schlema auch im Vergleich zum Landkreis diskutiert. Der Moderator stützte sich hier für Fragen und Ausführungen u. a. auf Projektergebnisse aus dem Werkstattbereich „Stadtentwicklung bis 2030“, die Vergleiche bezogen sich beispielsweise auf Bevölkerungsalter und -zahlen sowie die im Vergleich zum Umfeld insgesamt positivere Gewerbesteuerkraft in Aue-Bad Schlema.
Die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Erzgebirge, Peggy Kreller, verdeutlichte dennoch, dass es für viele Unternehmen aktuell ums „nackte Überleben“ geht. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen u. a. im Bereich der durch die Wirtschaftsförderung Erzgebirge organisierten Ausbildungs- und Rückkehrermessen (s. u.) und des Welcome Centers animierte sie trotz der derzeit schwierigen Lage dazu, in den Ausbau von Ausbildungsmöglichkeiten und Ziehfaktoren zu setzen und zu investieren, um zukünftige Entwicklungen positiv zu beeinflussen.
Robert Krumbach bot wiederum einen Einblick in den Umgang der Auerhammer Metallwerke mit Veränderungen des Weltmarktes und den notwendigen unternehmerischen Anpassungen: „Wir haben gute Leute hier vor Ort, definitiv“, er könne sich über einen Fachkräftemangel in seinem Unternehmen nicht beklagen. Die aktuelle Lage bringe zugleich Herausforderungen für Unternehmen und Stadt mit sich: Unternehmen müssten den Mut haben, sich in der Welt zu zeigen und sich zu Aufträgen hinbewegen, nicht in abwartender Haltung verharren; die Stadt sollte, auch mithilfe von Imagekampagnen, die positiven Voraussetzungen des Standortes aufzeigen und Interesse daran zugleich wecken und steigern. Speziell Aue-Bad Schlema müsse mehr für die schon zahlreich vorhandenen guten Voraussetzungen für ein gutes bürgerliches Leben vor Ort (wie kulturelle Einrichtungen, gute Schulen und Einkaufsmöglichkeiten, etc.) werben, so der Unternehmer.
Peggy Kreller forderte darüber hinaus, dass man sich auch auf Dinge, die vor Ort schon sehr gut funktionieren, zurückbesinnen solle, weil zum Teil gute Bedingungen allzu häufig in Vergessenheit geraten. Mit Hinweis auf die durch die Wirtschaftsförderung Erzgebirge durchgeführte Imageanalyse für den gesamten Erzgebirgskreis im Jahr 2022 zeigte sie positive Standortfaktoren auf: schöne Natur und angenehmes Umfeld, Freundlichkeit der Menschen, eine hohe Sicherheit (bestätigt durch Kriminalitätsstatistiken) und vergleichsweise niedrige Lebenshaltungskosten. Das vergleichsweise niedrige Einkommensniveau im Erzgebirgskreis liegt bezogen auf das verfügbare Einkommen knapp über dem sächsischen Durchschnitt.
Simone Lang ging auf die genannten Punkte aus ihrer Sicht als Mitglied des Sächsischen Landtages ein, unterstrich die Notwendigkeit einer freundlichen Grundhaltung und einer attraktiven Gestaltung. Bereits jetzt gäbe es viel ehrenamtliches Engagement und Vernetzung in der Stadt, etwa in Vereinen.
Darüber hinaus ging es um Fragen des Willkommens und Aufnehmens von Fachkräften und Zuwanderern, der Fachkräftesicherung, des gesellschaftlichen Miteinanders, der Stadt- und Kommunalpolitik vor dem Hintergrund der Oberbürgermeisterwahlen im kommenden Jahr etc. Auch Ideen wurden gesponnen, wie Menschen noch besser ankommen bzw. zurückkommen können. Hierbei kamen bereits vorhandene Angebote zur Sprache. Zum Beispiel offeriert die Wirtschaftsförderung Erzgebirge zahlreiche Optionen: Ausbildungsmessen, ehemals Pendler-Aktionstage, jetzt KARRIERE+JOB Messe, ein Mentorenprogramm [Welcome-Coach], Probe-Leben im Erzgebirge [ERZperiment], Welcome-Center etc. Hinzu kamen Hinweise auf das Engagement der Fachstelle Ehrenamt, ein Angebot des Landratsamtes Erzgebirgskreis. Die Ausbildungsmessen werden mehrfach im Jahr unter dem Namen MAKERZ DAY ausgerichtet und adressieren überwiegend Schülerinnen und Schüler; die jährlich zwischen den Jahren angebotene KARRIERE+JOB Messe Erzgebirge richtet sich an Rückkehrer sowie Jobwechsler aus der Region.
Ferner stellte Thomas Böttcher die potential.akademie eG vor, eine Genossenschaft mit Sitz in Chemnitz und entsprungen aus der Volksbank in Chemnitz, die in der gesamten Region Chemnitz-Zwickau-Erzgebirge jedes Jahr im Rahmen ihrer Initiative “Talenteschmiede bewegt” rund 1.000 Schülerinnen und Schüler der neunten bis elften Klassen in der Berufsorientierung begleitet. Es geht darum, so Böttcher, die jungen Menschen vor Ort bei der Berufswahl zu unterstützen und sie gezielt mit möglichen Berufsbildern und -optionen zu versorgen, die individuell zu ihnen und ihren Talenten passen. Die Potentialakademie liefert dafür u. a. Informationen über Unternehmen in der Region und stellt Kontakte zwischen den Unternehmen und Schülerinnen und Schülern her. Personal- und Führungskräfteentwicklung sowie Unternehmenskulturarbeit ergänzen hier das Angebot.
Zahlreiche weitere Themen kamen in dem rund zwei Stunden andauernden Gespräch unter reger Publikumsbeteiligung zur Sprache, das vollständig aufgezeichnete Gespräch ist demnächst als Podcast hier verfügbar: https://www.kommunenstaerken.de/stadtentwicklung.
Das Stadtgespräch hat aufgezeigt, dass das Thema (fast) alle in unterschiedlicher Hinsicht sowohl privat als auch professionell beschäftigt, aber selten Akteure aus Landes- und Kommunalpolitik, Wirtschaft, Verwaltung, unterschiedlichen Organisationen, Zivilgesellschaft und Bürgerschaft miteinander hierzu im Gespräch sind: Leben und Arbeiten, in unserem Beispiel in Aue-Bad Schlema. Diskutiert wurden zum Beispiel Optionen zur besseren Vernetzung von Unternehmen untereinander oder zur Förderung der überregionalen Wahrnehmung von Aue-Bad Schlema als Wirtschaftsstandort sowie den Austausch mit anderen Regionen.
Dank der Podiumsgäste aus verschiedenen Disziplinen und beruflichen Bereichen erhielt das Publikum Einblick in Initiativen und Möglichkeiten, die vor Ort schon existieren (z. Bsp. um Fachkräfte zu halten, zu gewinnen, zurück zu gewinnen etc.) und die bestenfalls in der Zukunft noch passieren sollten, konnte sich aber auch mit eigenen Ideen, Hinweisen und Fragen einbringen. Hierbei ging es durchaus auch kritisch zu. So kam im Raum auch die Frage auf, ob schon genug dafür getan werde, um Menschen, beispielsweise Studierende, für Aue-Bad Schlema als Lebensstandort (mit Herauspendeln in Universitätsstädte) zu gewinnen.
Im Stadtgespräch tauchten bestimmte Themen aus vorherigen Stadtgesprächen wieder auf, selbst wenn diese Gespräche unter anderen Überschriften (kurz: Heimat, Stadtentwicklung, Kommunikation, Justiz, Digitalisierung) gelaufen sind:
- Der Bedarf an ausreichend und verbesserter Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürgerschaft,
- der Wunsch nach einer besseren Vernetzung untereinander (etwa innerhalb von verschiedenen Vereinen)
- die Kritik an zu vielen Negativbotschaften und -berichterstattungen statt einer Hervorhebung auch positiver Entwicklungen und Effekte, die medial allzu häufig unterzugehen scheinen,
- der Wunsch nach einer sichtbaren und neuen Imagekampagne der Stadt,
- der Bedarf an mehr online abrufbaren Informationen,
- Verbindung der Generationen untereinander.
Das zeigt klar Desiderata auf, die wir im Projekt zur „Stadtentwicklung bis 2030“ auch in anderen Formaten von Bürgergesprächen, Gesprächskreisen und Expertengesprächen sowie in unseren Umfragen beobachten. Zusammengenommen bilden sich durch diese Gespräche Tendenzen ab, die wir im Projekt Stadtentwicklung bis 2030 gebündelt an die Stadt(-verwaltung und -politik) kommunizieren. Zugleich tragen wir sie an verschiedene engagierte Gruppen vor Ort heran, um auch niedrigschwellig direkt mögliche Veränderungsoptionen durchzuspielen. Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass z. T. Kontakte zwischen engagierten Menschen und Institutionen vor Ort geknüpft und gemeinsame Ideen gesponnen wurden. Wir lassen uns überraschen, was in den letzten Monaten daraus geworden ist und sich in Zukunft entwickelt, und werden auch davon berichten.
Wir danken unseren Podiumsgästen und dem Publikum, dass Sie Ihre Zeit, Ihr Wissen und Ihre Expertise aus unterschiedlichen Perspektiven mit uns geteilt haben, und wünschen allen einen guten Start ins neue Jahr.